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KaoKaoPulver
Mister Merle


Alter: 22
Anmeldungsdatum: 10.09.2007
Beiträge: 1716
Wohnort: Valiras Rucksack
germany.gif
BeitragVerfasst: 4/11/2007, 21:00  Titel:  Can you see me now? Nach untenNach oben

Warning: Shonen-Ai, Death, Dramaaa etc
Sonstiges: Über Ideen würde ich mich freuen.
P.S: Es gibt dumme Fragen aber keine dummen Antworten!


~~*~~

Der Bus in dem ich mich befand, war bis auf einen seltsamen Typ mit Hellblonden Haar, dem Busfahrer und mir, leer.
Das war nicht verwunderlich, denn als ich auf meine Uhr sah, stelle ich fest, dass es bereits Dienstag war, obwohl ich an einem Montag in den Bus gestiegen war. Ich fuhr also schon 6 Stunden durch die Gegend und näherte mich somit wohl der Endstation, bevor ich erneut in einen beliebigen Bus stieg der auch sonstwo hinfuhr.
Ich sah zum Fenster und mir blickte eine hellblonde, gespenstische Gestalt entgegen. Sie hatte eingesunkene Augen und war total blass im Gesicht. Ich war über mein eigenes Äußeres überrascht, welches sich mir in der Fensterscheibe darbot. Aber das Spiegelbild hatte recht, ich war total am Ende.
Mir war kalt und ich war erst wenige Stunden zuvor aus dem Krankenhaus „frühzeitig entlassen worden“.
Das ich mich eigentlich auf eigene Faust entlassen hatte, musste ja niemand wissen.
Ich betrachtete das Spiegelbild des Yankees oder was immer er auch war.
Das blonde Haar hing ihm zottelig vor den Augen, die Haare im Nacken waren lang, braun und zu einem groben Zopf gebunden. Das ließ ihn nicht sonderlich abschreckend erscheinen, ich fand gebleichter Haar cool, aber der weisse Mundschutz, der die hälfte seines Gesichtes verdeckte, ließ ihn furchteinflössend wirken. Um das Bild abzurunden, trug er einen langen, weissen Mantel und erinnerte mich ein wenig an die Ärzte aus dem europäischen Fernsehen, welches meine Mutter ab und an schaute.
Wahrscheinlich irrte er nicht so sinnlos wie ich umher, aber er befand sich mit mir im Bus, darum hoffte ich, dass er noch eine Weile im Bus sitzen bleiben würde.
Hätte ich alleine im Bus gesessen, ich wäre wahrscheinlich in Depressionen versunken. Ich kam mir so alleine vor, ziellos in einem Bus zur Unmöglichsten Uhrzeit, in einer Gegend, in der anscheinen ohnehin niemand lebte und überhaupt.
Ich schloss für einen Moment meine Augen, die langsam vor Müdigkeit brannten.
Ich hatte nicht mehr geschlafen, seitdem ich aus dem Krankenhaus war.
Ich war nach meinem Ausbruch aus dem Hospital kurz nach Hause und war sehr froh darüber, dass mich meine Mutter wahrscheinlich gerade besuchen wollte, obwohl ich davon die Tage zuvor nichts davon mitbekommen hatte – immerhin lag ich im Koma.
Ich nahm mir alles Geld was ich finden konnte, einen Rucksack mit ein paar wichtigen Dingen die man brauchte und sofort weg. Die ganze Zeit über raste mein Herz, ich hatte Angst, Angst dass mich meine Mutter finden würde und meinen ganzen Plan ruinierte – oder mich noch viel schlimmere Persönlichkeiten fanden und mit zu sich nahmen...
Plötzlich wurde es laut. So laut das mein Schädel augenblicklich höllisch wehtat und ich einfach nur aus Schreck aufschrie und als ich dann auch noch sah, dass sich der vordere Teil des Busses knirschend verformte, als wäre er aus Knete, wurde mir schwarz vor Augen.
Der Busfahrer wurde innerhalb eines Bruchteiles einer Sekunde eingeklemmt und das Blut wurde geradezu aus ihm rausgequetscht, doch davon bekam ich nicht mehr allzu viel mit...

In einer Schule in Akita kam es vor vier Tagen zu einem schrecklichen Vorfall, der mehreren Schülern, sowie Lehrer und einen der Hausmeister das Leben kostete. Um etwa 12.15 Uhr wurde aus unbekannten Gründen eine Explosion im ersten Stock der Schule ausgelöst. Die Personen, die sich zu der Zeit in dem Raum aufhielten, konnten nicht mehr gerettet werden. Die Schule wurde sofort evakuiert und die Polizei sucht zur Zeit nach weiteren Überlebenden. Bisher wurden die meisten Lehrer und Schüler ins Krankenhaus transportiert und teilweise wieder entlassen. Man geht davon aus, dass ein Schüler eine Bombe in den Bereich der Toiletten legte und sich somit das Leben nahm. Die Polizei ermittelt weiter nach dem Täter...

Es schüttelte mich, als die Worte sich in mein Gehirn brannten, von wo auch immer diese Worte denn herkamen.
Die Bilder spielten sich vor meinen Augen so real ab, dass ich die Hitze des Feuers und die Verbrennungen an meinem Rücken und Beinen deutlich spüren konnte.
Plötzlich spürte ich einen Schlag an meiner Wange und zuckte zusammen, der Schlag passte nicht zur Szenerie.
Ein weiteres mal spürte ich einen Schlag an meiner Wange – riss meine Augen auf und saß kerzengerade auf einer fremden Tatamimatte.
Die Bilder verschwammen und mir wurde schwindelig. Der Wechsel war mir zu abrupt, die grellen Farben taten weh in meinen Augen und mir wurde schlecht.
Ich lies mich wieder nach hinten sinken, krümmte mich zusammen und drehte mich zur Seite.
„Wag es ja nicht mein Bett voll zu kotzen!“ zischte eine tiefe, männliche Stimme bedrohlich, doch es war schon zu spät, ich hatte bereits angefangen, zu würgen.
Und der Tatsache zu folge, dass ich im Krankenhaus meines Komas wegen keine wirkliche Nahrung zu mir genommen hatte, würgte ich nur Magensäure hervor. Eilig hielt ich mir die Hand vor den Mund und versuchte es wieder runter zu schlucken, die Drohung klang definitiv nicht nett, von wem auch immer die kam. Doch ich begann zu husten und nun triefte es auch aus meiner Nase. Und um das ganze die Krone aufzusetzen wurde mir eiskaltes Wasser über den Kopf geschüttet, was meinen Kreislauf endgültig ein Ende setzte und ich wieder Ohnmächtig wurde.

„... aufgegabelt?“
„Ja hallo, am Ende heißt es Fahrerflucht!“
„Du bist gelaufen“
„Ach Schnauze, ist doch das gleiche!“
„Nicht dieser Ton mein Junge, noch bin ich hier die Chefin!“
Die fremden Stimmen weckten mich also öffnete ich langsam die Augen, auch wenn ich Angst hatte, dass mich die hellen Farben wieder blenden würden. Doch stattdessen legte sich ein Schatten über mich und starrte mich böse an.
„Das war mein Bett, was du voll gekotzt hast kleiner Wichser!!“ raunte der Schatten und zog mich an meinen Kragen in eine Sitzposition.
Die Sitzposition hatte neben einen weiteren Schwindelanfall und heftigen Kopfschmerzen auch noch die Folge, dass ich mehr Überblick gewann. Was immerhin etwas positives war.
Der Schatten stellte sich als der gruselige Kerl aus dem Bus heraus, zumindest ließen seine wilden, blonden Haare jenes erahnen, den Mundschutz und den weissen Mantel trug er nicht mehr. Stattdessen trug er nun ein scheinbar zu oft gewaschenes Muskelshirt und eine weite, zerschlissene Jeans. Wirklich gruselig sah er nun nicht mehr aus.
„Starr mich nicht so an!“ fauchte er mich an und ich konnte deutlich ein bedrohliches Funkeln durch seinen langen Pony hindurch wahrnehmen.
Er musste halt doch nicht als Yankee unterwegs sein, um einen Angst einzujagen.
Ich wandte sofort den Blick von ihm ab und betrachtete die fremde Räumlichkeit, in der ich mich befand.
Im ersten Moment hatte ich Angst, ich wäre wieder im Krankenhaus gelandet, da der Raum kahl und sehr hell war, nur die untere Hälfte der Wände war mit einem abscheulichen dunkelgrün bestrichen.
Das Mobiliar war stark veraltet, wahrscheinlich sogar schon morsch und stand auch nur sehr spärlich herum.
Dann fiel mein Blick auf eine alte Frau, die vor dem Fernseher saß und rauchte. Sie trug einen fleckigen Kimono, ihr Haar war streng im Nacken zu einem festen Haarknoten gebunden und lies kein einziges Haar abstehen. Das Licht des Fernsehers lies ihre Falten sehr tief wirken und ihr Blick wirkte noch um einiges grimmiger, als er ohnehin schon war, wie ich wenige Sekunden darauf feststellte, als sie zu mir sah.
Sie musterte mich von oben bis unten, woraufhin ich mir absolut minderwertig vorkam, minderwertiger, als ich es wohl wirklich war, in meinen Klamotten, die mir zu weit waren und den Löchern in meiner Jeans, mit meinen zerzausten Haar und den schwarz lackierten Fingernägeln, die beim besten Willen nicht zum Rest passten.
Dann verzog sie scheinbar nach einer Ewigkeit endlich ihr altes Gesicht als hätte sie ein nicht grade positives Urteil über mich gefällt, stand auf und ging eiligen Schrittes zu dem Yankee, holte aus und gab ihm einen gewaltigen Klaps auf den Hinterkopf.
Dieser schaute sehr verwirrt aus der Wäsche und verstand in etwa genauso viel wie ich. Was war denn jetzt los?!
„Akira*, willst du deinen Schützling nicht ein paar frische Sachen geben?“ raunte sie und klang um einiges bedrohlicher, als es der Yankee je zuvor getan hatte.
Dieser verneigt sich unterwürfig vor der Alten, stand auf und ging zu einem Schrank, aus denen er leise motzend Klamotten raussuchte.
Sie sah von oben nochmal auf mich herab, nickte und rief noch einmal zu dem Yankee, der also Akira hieß: „Eine Stunde, dann will ich die Nachtschicht besetzt haben!“ und verschwand aus den Raum.
„Wag es ja nicht, mich mit Akira-san ansprechen zu wollen sonst polier ich dir deine Fresse!“ zischte der Yankee als könne er meine Gedanken lesen und warf mir ein paar Sachen vor die Füße.
„Die kannst du anziehen, wir gehen dann gleich in die Küche auch wenn ich daran zweifel, dass du irgendwie behilflich sein kannst. Du musst nämlich hier deine Übernachtung für heute abarbeiten, denn mit dem Schock denn du anscheinend erlebt hast werde ich dich sicher nicht wieder so schnell gehen lassen.“ sagte er in einen unheimlich schnellen Tempo. „Es sei denn deine Mami und dein Papi holen dich ab. Wie heisst´n überhaupt?“ fragte er und sprach wie mit einem kleinen Baby.
Es dauerte einige Augenblicke, bis die Worte mein angematschtes Hirn erreichten und ich in der Lage war, zu antworten. Die abwertende Kinderstimme beachtete ich gar nicht.
„Ruki…“ antwortete ich, mir bewusst, das ich mir selbst keine sonderlich höfliche Anrede verpasste. Wahrscheinlich wirkte ich nun wahnsinnig unterwürfig, aber das war mir dann doch irgendwie egal. Hauptsache, man verband meinen Namen nicht mit einer sehr wahrscheinlichen Vermisstenanzeige meiner Eltern.
Ich hoffte, man würde mich mit meinen neuen, selbst verpassten Haarschnitt nicht erkennen, falls die Anzeige sogar mit Bild in sonst welche Medien geriet.
„Okay… Ruki…“ Der Yankee hob eine Augenbraue und sah skeptisch auf mich herab, als wolle er mir sagen, was für ein bescheuerter Name das denn sei. Mir war aber nichts besseres eingefallen.
„Zieh den Kram an und nenn mich Reita wenn´s die Alte nicht hört. Sollte sie in der Nähe sein nennst du mich – nein halte am besten sowieso die Klappe wenn sie da ist.“ Er sah weiter auf mich herab bis ich mich regte und aufmachte, mich umzuziehen.

• Ich hab ewig nach Reitas richtigen Namen gesucht, aber ´Akira´ war die häufigste! Wenn das trotzdem falsch ist, schlagt mich ruhig. Ich bin halt ne Lusche XD

Auf den Weg vom Zimmer, in dem ich erwachte, bis in die Küche begleitete mich Reita mit einem eisigen Pokerface, wohingegen ich wahrscheinlich wahnsinnig ängstlich dreinschaute. Was erwartete man auch von mir, ich war an einem völlig fremden Ort, mein körperlicher Zustand war nicht der beste und ich wusste nicht, was auf mich zukam.
Als wir die Küche erreichten, wurde mir endlich bewusst, dass ich mich in einem Hotel befand. Einen so arg heruntergekommenen Hotel, dass es nicht verwunderlich war, dass ich solange gebraucht hatte es zu registrieren. Es sollte eine Art traditionell japanisches sein, doch die Möbel sahen eher nach westlichen Ramsch aus. Die alte Frau von vorhin war wahrscheinlich die Chefin oder etwas ähnliches. Ich hatte irgendwie im Hinterkopf, dass sie etwas derartiges zuvor schonmal gesagt hatte.

„So…“ begann Reita und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, die allerdings sofort wieder zu ihrem alten Platz zurück fiel. Er musterte mich ein weiteres mal eindringlich. „Du siehst so lächerlich aus in den zu großen Sachen“ sagte er im abwertenden Tonfall, hatte aber den Anflug eines Schmunzeln auf den Lippen.
Ich wollte ein Wort des Widerspruches einlegen, doch Reita legte mir plötzlich seine Finger auf die Lippen und hockte sich zu mir. „Die Alte ist auf den Weg zu uns, sei jetzt bitte still, damit ersparst du mir und somit auch dir viel ärger, okay?“
Ich schluckte und nickte. Das konnte ja was werden…
Reita ging in den Flur hinaus und redete mit der Chefin.
Die Küche war ein kleiner Raum mit verrosteten Herd, zwei Arbeitsplatten zu den Seiten und einem großen Kühlschrank. An der Wand hinter mir stand ein Regal mit Dosen und Gläsern. Irgendwie wünschte ich mir, dass ich nie das Essen aus einer der Dosen vorgesetzt bekommen würde…
Mir drehte sich der Magen. Wäre dieser nicht ohnehin schon leer gewesen, hätte ich mich spätestens jetzt übergeben.
Das wäre sicher eine klasse Kulisse für einen billigen Horrorfilm gewesen, mit dem Unterschied, dass ich billige Horrorfilme mochte – die Küche hier nicht. Aber jetzt verstand ich wenigstens, warum die Protagonisten in den Filmen immer so schreckhaft waren – sie hatten entweder Angst, das Essen würde lebendig werden oder so zu enden wie das Essen.
Ich für meinen Teil wollte zumindest nicht so vor mich hingammeln.
Auf einmal wurde es im Flur lauter. Ich konnte nicht hören, worüber sie sprachen, es kamen nur einzelne Wortfetzen an, doch anscheinend stritten sie. Und der Tonlage Reitas zu folge, war dieser im Nachteil.
Ich wollte mich grade hinhocken, als die Türe zur Küche sich öffnete und Reita den Raum wieder betrat.
Er stand bereits wieder in der Küche aber stritt geradezu leidenschaftlich mit der Alten weiter. Erst jetzt hörte ich einen Akzent bei den beiden raus.
War ich also doch etwas weiter gekommen als ich dachte… zumindest erhoffte ich mir das.
Reita wandte sich mir zu und öffnete den Mund um etwa zu sagen, hielt aber inne, als die Alte anfing, ihn zu beleidigen. Er verzog sein Gesicht und es schien mir, als wäre er über die Beleidigungen eher belustigt.
Ich empfand ihn als gruselig. Man wusste einfach nicht, ob er ein lustiger oder ein unangenehmer Geselle war.
Er zeigte auf mich und nickte in die Richtung der Tür. Ich verstand und stand auf.
Reita deutete mir, leise zu sein und sah nochmal in den Flur. Dieser war noch akustisch von Beleidigungen erfüllt.
Ich ging zur Türe und wollte sie öffnen, doch sie klemmte. Hilflos sah ich Reita an, doch dieser sah mich nur drohend an und erwiderte kurz der Alten was.
Ich rüttelte also etwas unsanfter an der Türe. Warum auch immer, ich bekam ein wenig Angst. Ich wollte nicht direkt zu Anfang in Ungnade fallen und vorallem nicht wegen so einer Kleinigkeit wie einer Tür. Ich schaute durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen, ob die Tür nicht vielleicht abgeschlossen war, doch es sah nicht so aus.
Ich rüttelte noch ein paar mal, bevor ich mit einem kräftigen Ruck an der Tür zog, die dann aber unvorhergesehen aufsprang und mich – wahrscheinlich eher wegen des Schwungs als aus dem Schreck – nach hinten warf und ich unsanft gegen einer der Schränke stieß.
In den folgenden Momenten ging alles so schnell, das ich beinahe wieder Ohnmächtig geworden wäre.
Einer der Schranktüren öffnete sich, war mehr oder weniger lose und heraus purzelten ein Teller nach dem anderen und fielen auf mich drauf und zerklirrten lautstark auf dem Boden.
Vor lauter Schreck schossen mir Tränen in die Augen.
„Argh, Idiot…“ fluchte Reita leise und zog mich hastig aus den Scherben.
Kurz darauf erschien die Alte und schrie mich an, was für ein Tollpatsch ich wäre und was für ein Vermögen sie das kosten würde.
„Er war das nicht!!“
Verwirrt sah ich Reita an, der mich daraufhin böse anschaute und mich hinter sich schob.
„Ich habe sie runter geschmissen weil ich aus Wut die Tür so wild aufgeschmissen habe.“
Viel zu verwirrt um auch nur irgendwas zu tun sah ich zu, wie die Alte mit unerwarteter Kraft Reita eine Backpfeife verpasste und ihn zu Boden warf. Er verfehlte nur knapp den großen Scherbenhaufen.
„Bei meiner Seel´, erleb ich das nochmal gibt’s was drauf!“
Trotz ihres Alters und ihrer nicht wirklich imponierenden Größe wirkten sie und ihre Worte äußerst bedrohlich.
Ich fühlte mich mit einem Mal so unendlich schlechter als zuvor schon.
Als die Besitzerin des Hotels endlich die Küche verließ, hockte ich mich sofort zu Reita hin. Dieser setzte sich auf und verzog schmerzerfüllt für einige Sekunden das Gesicht.
Als ich auf den Boden schaute, wusste ich wieso. Er hatte trotz alledem einige Splitter in die Hand bekommen, als er den Sturz abfing.
„Es tut mir so Leid!“ sagte ich unterwürfig und verbeugte mich einige male, bevor ich einen Klaps auf den Hinterkopf bekam. Jenes hatte ich erwartet, es war ja immer noch meine Schuld, aber nicht die Worte „Hast´ dir weh getan?“.
Verdattert schüttelte ich den Kopf. Ich verstand die Welt nicht mehr. Okay, das tat ich schon etwas länger nicht mehr, nicht zuletzt weil mir einige Minuten meines mickrigen Lebens durch eine Ohnmacht genommen wurden.
Verständnislos sah ich Reita an.
„Jetzt willst du sicher wissen, warum ich dich in Schutz genommen habe, mh?“
Mir klappte die Kinnlade runter.
Woher wusste er das? Entweder spielte er sich jetzt wahnsinnig auf und lag versehentlich richtig, oder er wusste einfach was ich dachte. Zweiteres wäre definitiv gruselig. Aus dem Kerl wurde man einfach nicht schlau.
Schüchtern nickte ich.
„Ich weiss es selber nicht. Eigentlich sollte es mir egal sein, aber ich hab kein Bock, dass du auch irgendwann einfach hier fest sitzt.“
Fragend sah ich ihn an. Er brachte sowas wie ein Lächeln zustande, zumindest glaubte ich, das es eins war. Es sah irgendwie verzerrt und zerknautscht aus.
„Ich bin auch abgehauen, hier gelandet, hab für einige Nächte Unterkunft hier gearbeitet und bin letztendlich nie gegangen. Wie auch? Die alte Schachtel hätte mich eh nicht gehen lassen…“ Er seufzte und sah fasziniert seine blutende Hand an.
„Woher weißt du das-„ „Du abgehauen bist?“
Reita lächelte mich erneut an, diesmal wesentlich erkennbarer.
Es versetzte mir einen Schlag. War ich wirklich, wirklich SO offensichtlich abgehauen?
„Dein Dialekt. Der ist nicht von hier. Ausserdem hab ich dich im Bus beobachtet, du sahst total ziellos aus, aber zu stören schien es dich auch nicht.“
Mir war es irgendwie unangenehm, das er mich beobachtet hatte. Wahrscheinlich wäre ich im Bus vor Angst gestorben, hätte ich das gemerkt. Immerhin hatte er wirklich Furcht einflößend ausgesehen.
Reita begann leise zu fluchen und stand auf, versuchte mit den Fingern größere Splitter aus seiner Hand zu ziehen.
„Kann ich helfen?“ fragte ich schuldbewusst und senkte meinen Blick ein wenig.
Reita seufzte genervt. „Klar! Schnapp dir ein Messer und hack mir die Scherben aus der Hand!“ Er verdrehte seine Augen. „Wenn wir ne Pinzette hätten, hätte ich diese auch von alleine geholt, das würde ohnehin schneller gehen, als dir zu sagen, wo eine wäre.“
Für einige Momente hatte ich gedacht, das Reita doch nett wäre, aber im Endeffekt war er doch ein Arschloch das nur an sich selbst dachte. Natürlich. Er hatte doch sogar gesagt, dass er das nur getan hat, weil er kein Bock hat, dass ich da wäre.
Irgendwie enttäuschend…
„Du machst hier die Küche sauber. Die Sachen sind in der Kammer hinter der Tür, die du anscheinend nicht aufkriegst.“ Sagte Reita gelangweilt und stellte sich vor diese. „Unten gegen die Ecke treten und dabei drücken, dann ziehen. Idiot.“
Dann lies er mich wortlos mit meiner sehr. . . aufregenden Aufgabe alleine.



Schweigend lag ich auf einer müffelnden Tatamimatte und starrte den kleinen Spalt unter der Tür an, der ein klein bisschen Licht vom beleuchteten Flur hereinließ.
Ich hatte keine Ahnung wie spät es war, aber es war sicherlich schon nach 0:00 Uhr. Also Mittwoch.
Seit Montag war ich verschwunden.
Ich spürte kaum die Tränen, die meine Wangen runter liefen.
Es war einfach zu viel passiert in den letzten Tagen. Zu viel Schreckliches, was ich niemals wieder gut machen konnte.
Was war eigentlich aus dem Busfahrer geworden? Wieso hatten Reita und ich überlebt? Wo war der Krankenwagen geblieben? Wie war es zu dem Unfall gekommen? Wieso ausgerechnet wenn ich im Bus saß?
Ich wischte mir über die Augen.
Es war alles einfach nur scheiße. Dass ich ein Dach über dem Kopf und einen halbwegs ordentlichen Schlafplatz hatte, konnte das einfach nicht wett machen.
Ich war so verdammt alleine, nicht nur in diesem Zimmer, nein, auf der ganzen Welt.
Ab und zu fragte ich mich, wieso ich nicht einfach nach Hause fuhr.
Aber wozu?
Klar, ich hatte Familie, doch das war doch kein Leben. Es war ein schützender Vorhang, hinter welchem man sich verkroch, wenn es nicht lief. Nichts weiter. Kein Ersatz für verlorene Freunde. Was rede ich von der Mehrzahl?
Ich hatte nur einen und-
Schnell verkroch ich mich unter meiner dünnen Decke, als die Klinke runtergedrückt wurde und jemand das Zimmer betrat.
Am schlurfenden Schritt erkannte ich, dass es Reita war. (Innerhalb weniger Stunden hatte ich raus, welche Art von Schritten welche Person mit sich brachte.)
Ich lünkerte unter der Decke hervor und sah wie Reita achtlos seine Schlappen in eine Ecke trat und sich auf seine Matte plumpsen ließ.
Hatten wir etwa das gleiche Zimmer?
Ich lag sicherlich nicht falsch, sonst hätte er mich sicher schon im hohen Bogen rausgeworfen.
Ich versuchte, meine Tränen zurückzuhalten, doch je mehr ich es versuchte, desto mehr fühlte ich mich nach heulen. Plötzlich machte es mich sogar fertig, dass Reita nicht nett zu mir war. Es erweckte in mir wieder Minderwertigkeitskomplexe. Warum konnte ich nicht einfach selbstbewusst sein? Sofort fielen mir einige Gründe dafür ein und letztendlich konnte ich den großen Kloß in meinen Hals und den Tränenschwall nicht zurückhalten.
Vergeblich versuchte ich mein nicht unterdrückbares Schluchzen im Kissen zu ersticken. Doch das Kissen, das man mir gegeben hatte, war zu dünn um irgendwelche Geräusche zu ersticken.
„Ruki?“
Ich zuckte unbewusst zusammen. Ich atmete tief ein und schluckte weitere Tränen.
„Mh?“
„Schläfst du?“
Das hatte er nicht wirklich gefragt, oder?
„Hey…“
Reita hockte sich neben mich und zog mir ohne Vorwarnung die Decke weg. Erst jetzt merkte ich, dass die Decke ja doch ein wenig Kälte abhielt.
Ich setzte mich auf und versuchte mir die Decke wieder zu holen, doch Reita warf sie achtlos in eine Ecke (anscheinend warf er alles achtlos) und sah mich prüfend an.
Schnell sah ich zur Seite und schüttelte mein Kissen aus. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er sich um sich selber kümmern sollte, aber das wagte ich nicht. Reita war undurchschaubar, wer wusste, wie er darauf reagieren würde.
„Ich rede mit dir“, fauchte Reita und zog mein Gesicht in seine Richtung.
Ich schaute in seine in der Dunkelheit schwarz gefärbten Augen und wusste nicht, was ich tun sollte.
Hilflos lies ich meine Tränen einfach laufen. Es war ja eh alles egal…
„Was ist denn los?“, fragte Reita und setzte sich neben mich.
Ich schwieg beharrlich und wandte mich ab.
„Ich rede mit dir!“, sagte er etwas erbost und haute mir mit voller Wucht auf den Rücken.
Entsetzt schrie ich auf und sah für einige Sekunden Sternchen.
Ich krümmte mich zusammen und verzog das Gesicht, gab mir aber Mühe, nicht weitere Geräusche zu machen. Er hatte meine momentane körperliche Schwachstelle getroffen, meine Verbrennungen am Rücken.
„Spinnst du?!“, zischte ich gepeinigt und krallte meine Hände in das Laken auf meiner Matte.
Reita schien etwas überfordert mit der Situation, zumindest sah es aus den Augenwinkeln so aus.
Plötzlich zog er mir das Shirt am Rücken hoch und sah meinen Verband, den ich im Krankenhaus bekommen hatte. „Was hast du denn da gemacht?“ wollte Reita wissen und beugte sich zu mir runter.
Ich hielt es nicht für klug, die Wahrheit zu sagen, aber zu schweigen zog ja anscheinend auch nicht sonderlich gute Resultate an.
„Wir hatten einen Autounfall. Meine Eltern sind dabei gestorben, ich habe Schrammen davongetragen...“ Ein wenig verbittert sah ich Reita an.
Dieser schaute ein mich klein wenig ungläubig an – glaubte ich zumindest. Vielleicht sah es in der Dunkelheit auch einfach nur so aus, weil ich mich davor fürchtete, dass er mir nicht glauben würde.
„Tschuldige“, murmelte und begann, mir meinen Verband abzubinden.
„Hey lass da-!" Ich wollte protestieren, doch Reita hielt mir den Mund zu.
„Psshh...“, sagte er leise und sah zur Tür. Im Flur ging das Licht an.
Reita und ich verharrten so wie wir waren und gaben keinen Mucks von uns. Nach kurzer Zeit ging das Licht wieder aus.
Mein Protestversuch war wohl zu laut gewesen.
Die Alte (deren Name mir den ganzen Tag irgendwie vorenthalten wurde) hatte mir und auch Reita noch mal eindeutig eingebläut, dass wir nachts leise sein sollten. Und ihrer schnellen Reaktion zufolge, achtete sie wohl besonders streng darauf, dass wir dies auch einhielten.
Ich und auch Reita atmeten beruhigt auf. Dann fing er wieder an, meinen Verband abmachen zu wollen.
„Was soll das?“, zischte ich im Flüsterton und sah Reita böse an. Dieser zog mich nur in eine aufrechte Sitzposition und machte weiter. Und ich traute mich natürlich nicht, mich zu wehren. Na toll!
Als der Verband dann ab war, stand Reita auf und verließ erstaunlich leise den Raum.
An solchen Kleinigkeiten merkte man, dass er wirklich schon lange hier leben musste. Ich hatte heute die Erfahrung gemacht, dass alle Türen klemmten und über den Boden schrabbelten, dass der Holzboden knarrte, wenn man über ihn lief und dass die Fenster alle undicht waren. Dabei war ich eigentlich kein Bauerntrampel!
Wenige Augenblicke später kehrte Reita zurück. Er schloss leise die Türe und ich fragte mich wie er das nur machte.
Er setzte sich wieder zu mir und legte einen frischen Verband vor mich. Etwas ungläubig sah ich ihn an.
„Zieh dein T-Shirt aus, sonst ist das etwas umständlich“, sagte er leise und rollte meinen alten Verband zusammen.
Ich gehorchte schweigend und legte mein Shirt beiseite. Dann zog mich Reita auf die Beine und ging mit mir in die hinterste Ecke des Zimmern, wo sich das einzige Fenster in diesen Raum befand.
Der Mond schien rein und erhellte alles. Allerdings sorgte ein modriger Schrank dafür, dass nicht allzu viel Licht in der Lage war, den ganzen Raum zu erhellen.
Das gefiel mir natürlich nicht, ich mochte es nicht im Dunkeln, aber wie erwähnt waren die Fenster undicht. Und mir war doch so schon kalt.
„Setz dich hin“, befahl Reita und ließ sich geräuschlos hinplumpsen.
Als ich mich versuchte zu setzen, knarrzte es natürlich unter mir. Ein weiteres mal fragte ich mich, was ich bloß falsch machte. Reita warf mir einen mitleidigen, aber dennoch amüsierten Blick zu. „Fußspitzen und Fingerspitzen zuerst“, sagte er, aber ich verstand nicht so ganz. War ja auch letztendlich egal.
„Dreh deinen Rücken zum Fenster“, sagte er dann und holte eine kleine Cremetube aus seiner großen Hosentasche hervor.
„Eh?“, fragte ich in besonders intelligenten Tonfall. Falls man das eine Frage nennen konnte.
Reita seufzte genervt. „So wie du aussiehst vernachlässigst du solche Kleinigkeiten wie Versorgung von Wunden gewaltig.“
Das gefiel mir nicht. Kratzer von Autounfällen und Verbrennungen unterschieden sich leider deutlich, und das würde mich ziemlich schnell auffliegen lassen. Reita durfte nicht erfahren, dass ich gelogen hatte. Schon allein deshalb, weil ich dann der Böse war.
„Ach, das ist nicht nötig, das ist schon fast verheilt“, versuchte ich abzublocken und nahm mir die neue Verbandrolle, doch Reita riss mir diese sofort wieder auf der Hand.
„Ich hab dir vorhin auf den Rücken geschlagen und das nicht mal feste. So wie du gestorben bist, muss das aber noch ziemlich verwundet sein. Oder zumindest entzündet und das muss ich verarzten.“
Ich verzog mein Gesicht. Blöd war er ja nicht, das musste ich ihm nun doch leider lassen. Das machte es auch nicht leichter.
„Außerdem ist es hier viel zu kalt. Lass uns das doch da vorne machen“, versuchte ich es und zeigte Richtung Tür. Doch Reita schüttelte stur den Kopf und versuchte mich zum Licht zu drehen. Diesmal wehrte ich mich wirklich und drückte mich gegen Reitas Hände. Ich gab mir wirklich Mühe, doch mein Gegner war einfach zu stark. Er schubste mich einmal kräftig und ich lag auf den Bauch, hatte mich nur knapp abfangen können.
Der Boden war kalt, geradezu eisig. Es war früher Sommer, aber nachts spürte man nicht das Geringste davon.
Ich am allerwenigsten.
Da lag ich also nun und alle meine Sorgen, Ängste und Gefühle, die mich kurzfristig verlassen hatten, als Reita aufgetaucht war, kamen wieder in mir hoch.
Vorsichtig begann Reita damit meinen Rücken einzucremen. Es brannte. Es brannte so höllisch, das ich ziemlich bald schon nichts mehr außer Hitze spürte. Es tat also nicht wirklich weh, außer an den Stellen, die Reita gerade eincremte.
„Bleib so liegen bis es eingezogen ist“, sagte Reita und rührte sich anscheinend nicht mehr.
Ich legte meinen rechten Arm vor mich auf den Boden und verbarg mein Gesicht darin.
Das Brennen erweckte auch noch alte Gefühle in mir und abermals fing ich an zu weinen.
Als könnte Reita das spüren, strich er mir geradezu zärtlich über das Haar und seufzte einmal kurz. Nicht genervt oder verärgert, es war einfach nur ein neutralen Seufzen und irgendwie beruhigte mich das.
Das Brennen, die Hitze auf meinen Rücken lies nach und wurde durch eine unangenehme Kälte ersetzt. „Ist das nicht mal langsam eingezogen?“, fragte ich dann leise und sah Reita kurz an.
Er strich mir mit den Zeigefinger über den Rücken. Erstaunlicherweise brannte es nicht, tat nicht weh, noch sonst was. Kurz gesagt: Ich spürte es nicht.
„Warte noch kurz, dann verbind ich das wieder“, sagte Reita und stand auf um aus dem Fenster zu schauen. Ich setzte mich hin und sah zu Reita auf. Er zeichnete sich schwarz im Mondlicht ab. Seine Haare waren noch immer im Nacken zu einen Zopf gebunden, die kürzeren Haare auf seinem Kopf standen stellenweise ein wenig wirr ab. Er nahm sich ein Kippchen aus seiner Tasche und zündete sie an. Das Licht des Feuerzeugs erhellte kurz sein Gesicht und man erkannte mehr als schlichte Umrisse. Sein Gesicht war unverhüllt nicht mehr gruselig, das war mir schon den ganzen Tag aufgefallen. Doch in diesen wenigen Sekunden, in denen das Feuerzeug aufflackerte, wirkte er viel mehr wie ein Gleichaltriger, der Schule schwänzte, seine Lehrer hasste, Streber verprügelte und später Musiker werden wollte.
Als seine Zigarette nicht angehen wollte und er noch einmal versuchte sie anzuzünden, krauste er verärgert seine Nase als wolle er sagen ´Du blödes Feuerzeug´.
DAS war verdammt niedlich. Fand ich zumindest. Dafür, dass er sonst so gefährlich aussah zumindest.
„Ist was?“ fragte er, als er meinen Blick bemerkte. Ich wurde ein wenig rot. Ich hatte ihn als niedlich bezeichnet. . . lol oh Gott wie bescheuert.
„Mir ist kalt, verbind mich endlich“, sagte ich etwas barsch um meine Blödheit zu überspielen, auch wenn Reita davon eigentlich nichts mitbekommen hatte.
Er drückte mir seine Zigarette in die Hand – also er drückte sie mir nicht in die Hand, er gab sie mir zum halten – und verband mich.
Wenn ich schon mal den Kippenhalter spielen durfte, zog ich auch direkt mal daran und auf einmal wusste ich wieder, wieso ich Raucher war. Auch wenn ich in letzter Zeit verständlicherweise keine Zigaretten mehr hatte.
„Hey, wer erlaubt dir das?“, fragte Reita tadelnd, jedoch lag ein leicht belustigter Unterton in seiner Stimme. Dann wurde er wieder ernst. „Hör mal, wenn du gehen willst... du kannst jetzt gehen. Ich pass auf, dass die Alte nichts merkt bis morgen früh und du kommst ungeschoren davon.“
Etwas ungläubig schaute ich ihn an. Warum auf einmal so nett?
„Ich meins ernst. Das wird ewig dauern bis die dich gehen lässt, ich spreche aus Erfahrung. Theoretisch musst du jede Nacht, die du hier übernachtest, weil du hier abarbeitest, siehe da, abarbeiten.“
Ich nahm noch mal einen Zug von der Zigarette und zog mein T-Shirt an. „Ist doch okay“, sagte ich nach kurzem Überlegen und huschte wieder zu meiner Tatamimatte und warf meine Decke über mich.

„Okay. Dann erzähl mal“ sagte Reita und setzte sich vor meine Matte.
Fragend schaute ich ihn an.
„Na, woher du kommst, wie du wirklich heißt, woher die Verbrennungen kommen und wieso du unbedingt bleiben willst. Und wieso du lügst. Sie es als eine Art Vorstellungsgespräch“
Ich holte tief Luft und ging noch mal in mich. Es war trotz alledem nicht nötig, mich Reita anzuvertrauen. Es würde mich nur in Gefahr bringen. Andererseits, wenn die Situation wirklich eskalieren würde, könnte ich noch immer abhauen – aber vielleicht würde mich Reita auch unterstützen?
Ich musterte ihn...
Er zündete sich eine zweite Zigarette an, ganz als würde er mir genug Zeit zum Überlegen lassen wollen.
„Willst du meine Anwesenheit überhaupt?“, fragte ich und sah Reita unsicher an. Wenn das nicht so war, brauchte er nichts über mich wissen.
Er seufzte und zog an seiner Zigarette. „Ich geb ja zu, ich war ein Arschloch zu dir, besonders am Anfang, aber da du dich ja nicht abschrecken lässt und wirklich hier bleiben willst... warum nicht? Vorrausgesetzt, wir spielen beide mit offnen Karten. Und du-" er schnippte gegen meine Stirn „- fängst an!“
Ich rieb mir die Stirn und setzte mich auf.
„Ich bin Matsumoto Takanori und komme aus...“ Ich zögerte kurz. War es wirklich klug, Reita alles zu erzählen?
„Ich komme aus Akita. Ich habe Probleme Zuhause... große Probleme!“
„Muss ja, sonst hätte es dich nicht soweit getrieben.“
Ich nickte leicht. Ich wusste irgendwie nicht weiter im Text. Was sollte ich noch erzählen?
Als ich schwieg sah Reita anscheinend die Chance mich auszuquetschen.
„Akita also. Wie viel hast du damit zu tun?“
Schockiert und verwirrt sah ich Reita an. „Ich verstehe nicht-?“, fragte ich also und in guter Hoffnung. Doch Reita vernichtete diese sogleich.
„Na mit der Schule. Die Explosion! Großes Badaboom!“
„Gar nichts!!“
Mir wurde ein zweites mal gegen die Stirn geschnippt. „Lüg nicht, ich bin doch nicht blöde! Du hast heftige Verbrennungen am Rücken und bist abgehauen! Und zwar nicht nur so ein bisschen sondern bis hier hin, ins verdammte Odate*!“ Er zog noch mal an seiner Zigarette. „Das sind gewaltige Probleme, die du haben musst. Und dein Haarschnitt. Oh Mann. Hast du dir den selber gemacht? Du musst echt verdammte Scheiße gebaut haben.“
Ich fühlte mich entblößt. So schrecklich entblößt... Und ich hatte mir auf dem Weg eingeredet, ich hätte Paras und die Leute schauen mir nicht nach.
„Was immer du auch denkst, ich werde dich nicht verraten. Also schieß los, wir müssen morgen besonders früh raus. So wie du aussiehst erkennt dich doch jeder auf der Straße“, sagte Reita etwas herablassend und musterte meine Haare.
„Aber du weißt doch gar nicht, wieso ich abgehauen bin“ erwiderte ich etwas verwundert.
Reita zuckte mit den Schultern. „Ja und? Du bist zu zart besaitet um kleine Kinder zu ficken oder schwangere Frauen zu killen, also bleibt das schlimmste außen vor.“
Das ermutigte mich nicht gerade. Absolut nicht. Ich biss mir auf meine Unterlippe und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Reita sah mich plötzlich mit großen, kalten Augen an. „Du hast doch nicht wirklich...?“ Bevor er sich aufbauen konnte, antwortete ich schnell ängstlich ein „Nein!“.
Dann sah ich zu Boden und fing an zu zittern. Bilder zuckten durch meine Gedanken und ließen meine Adern gefrieren. Ich biss mir fester auf die Unterlippe, bis diese anfing zu bluten.
„Ruki!“ sagte Reita legte mir feste seine Hände auf die Schultern. Erschrocken sah ich ihn an. Beruhigend strich er mir über die Schultern und redete mit flüsternder Stimm auf mich ein. „Erzähl´s mir. Lass dir Zeit oder... oder weine dabei. Keine Ahnung. Schrei von mir aus, aber.... du brauchst einfach jemanden, dem du dich anvertraust. Ich weiß, ich sehe nicht sonderlich nett aus - bin es wahrscheinlich auch gar nicht - aber Scheiße Mann! Ich kann dich doch nicht hier so hocken lassen! Okay...?“
Es schien wirklich so, als würde mich Reita unterstützen wollen. Noch. Er wusste ja noch nichts. Er hat doch anscheinend Respekt vor den Menschen. Ich würde mir das kleine bisschen Hilfe kaputt machen. War ich pessimistisch oder realistisch? Es war ja auch egal. Ich würde es einfach erzählen.
„Ich...“ Ich leckte mir das Blut von den Lippen und holte noch mal tief Luft. „Ich hatte eine Beziehung. M-mit... mit einem Jungen.“ Ich senkte meinen Blick.
Reita drückte seine Zigarette aus und wartete bis ich weiter erzählte.
„Vor zwei Jahren hatten wir beschlossen eine richtige Beziehung zu führen. Von unseren Gefühlen wussten wir schon länger, aber wir hatten Angst, dass man uns wegen unserer Neigung verachten würde. Unsere Eltern hätten uns rausgeschmissen und an unserer Schule wären wir die Idealopfer für so ziemlich alles gewesen. Es lief zwei Jahre lang gut, wenn auch heimlich. A-Aber...“ Mir schossen wieder Tränen in die Augen. Es war so schrecklich, sich wieder alles vor Augen führen zu müssen. „Plötzlich machte er ohne Vorwarnung Schluss. Er sagte, es wäre ihm zu riskant. Dann stellte er mich in der Schule bloß. Er erzählte allen, dass ich schwul sei. Ich wurde gemobbt, verprügelt, mit Wasser übergossen und man drohte mir immer meinen Eltern etwas zu sagen. Ich musste alles machen, was sie von mir verlangten. Einige Wochen später sah ich ihn in einem Amüsementpark mit einem Mädchen rummachen. Einfach so! Es störte niemanden! Er war ja schon so ewig mit ihr zusammen laut den anderen...“
Ich wischte mir über die Augen, was jedoch nicht viel Sinn machte, die Tränen kullerten und kullerten unaufhörlich weiter meine Wangen hinab. „Ich bekam vor einer Woche einen Brief von ihm, in welchen wir uns in der Pause auf dem Schuldach treffen sollten. Ich ging hin und er... er...“
Meine Worten gingen in einem Schluchzen unter. Ich musste weitererzählen. Ich konnte nicht an dieser Stelle pausieren, es war, als hätte man bei einem Film Pause gedrückt und verarbeitete die letzte Szene.
Ich sah kurz Reita an. Dieser saß einfach schweigend vor mir, als würde er wissen, das es noch viel weiter ging.
„Er drängte mich an das Gelände des Daches. Fast die ganze Schule stand unten auf dem Hof und sah uns zu... einige schrien, ich sollte endlich springen oder feuerten meinen Peiniger an. Plötzlich küsste er mich und es wurde still. Ich habe mich noch nie SO getäuscht. Ich dachte er würde...“ Abermals gingen meine Worten in einem zitternden Schluchzen unter. „Er gab mir einen Zettel auf dem einfach nur ´R.I.P.´ stand und ging lachend vom Dach runter. Ich rannte durch die Schule durch die Schülermenge, die mich auslachte. Niemand nahm das ernst. M-mein Vater-"
Reita legte mir die Hand auf den Mund und zog mich in seine Arme. „Sch.. ist okay... mehr brauchst du mir nicht erzählen.“
„A-aber... es sind so viele Menschen wegen mir gestorben... Ich... Ich wollte in den letzten Minuten alles rückgängig machen, aber ich war zu langsam und bekam selber etwas ab... aber das ist nichts im Vergleich zu... zu...“
Reita drückte mein Gesicht an seine Schulter und erstickte meine Worte. Das war etwas grob, aber es zeigte mir, dass er mich trösten wollte.
Und es tat so verdammt gut jemanden zu haben an den man sich klammern konnte.
Vorsichtig strich er mir über den Rücken. In meiner Erzählung hatte ich gar nicht mitbekommen, dass er seine Zigarette ausgedrückt hatte. Nach und nach schlief ich einfach in Reitas Armen ein…

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BeitragVerfasst: 24/11/2007, 22:58  Titel:  (Kein Titel) Nach untenNach oben

Wow. das ist ja mal voll geil, ey. *begeistert binz*
Ich mag deine Schreibweise voll! Und die Geschichte erst! =)

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Löwe  Hahn Offline
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Verschoben ins OT-FF-Bereich Wink

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BeitragVerfasst: 16/6/2008, 16:33  Titel:  (Kein Titel) Nach untenNach oben

die is echt geil^^
ok dumme frage: geht sie noch weiter?

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Widder  Hahn Offline
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